Fitnessstudio für Digital-Logistiker

30. Juli 2020

Die digitale Transformation der Logistikbranche ist in vollem Gange – die Bedingungen für clevere Start-ups könnten also kaum besser sein. Dennoch fällt die Unterstützung deutscher Nachwuchsunternehmer sowohl von Seiten des Staates als auch von potenziellen Investoren oft nur sehr verhalten aus. Hinzu kommen die Auswirkungen der Corona-Pandemie, die viele Jungunternehmen tief in die roten Zahlen gerissen haben.

Aber nicht nur die fehlende finanzielle Förderung bildet Stolpersteine auf dem Weg zur erfolgreichen Etablierung am Markt. Die größten Herausforderungen sehen die Jungunternehmer laut Deutschem Start-up Monitor (DSM) vor allem in Vertrieb und Kundengewinnung (55,3 Prozent) sowie in der Produktentwicklung (43,9 Prozent). Die Kapitalbeschaffung folgt mit 37,9 Prozent auf Platz 3.

Die Lösung jener Probleme kann die Teilnahme an sogenannten Acceleratoren sein. Diese unterstützen die Start-ups in einem festgelegten Zeitraum von mehreren Monaten und wirken im Grunde wie ein „Turbo“ für den Entwicklungsfortschritt. Geschäftsideen können dabei in Kooperation mit bereits etablierten Unternehmen weiterentwickelt werden und die Nachwuchsunternehmer kommen in Kontakt mit potenziellen Investoren.

Die Krise macht die Lampen an

Aber auch hier sind die Auswirkungen der Pandemie deutlich spürbar, beobachtet zum Beispiel Sallar Faridi, Direktor des Hamburger Ablegers der US-amerikanischen Innovationsplattform Plug and Play. Auch dort habe die Krise für einige Veränderungen gesorgt. Die sonst physischen Veranstaltungen wurden in Onlineformate umgewandelt und einige Kooperationen zwischen Großunternehmern und Start-ups sind vorerst zum Erliegen gekommen, weil die Gelder an anderer Stelle benötigt werden.

Zu beobachten sei aber vor allem, dass die Krise bei vielen „die Lampen angemacht habe“ und den Willen nach Veränderung stärke, findet Faridi. Den wohl größten Sprung hat dabei die Digitalisierung gemacht. Bei Plug and Play sei die Resonanz der digitalen Formate mit bis zu dreimal so hohen Teilnehmerzahlen beispielsweise extrem.

„Ausgaben im Bereich Digitalisierung wurden oftmals in die Zukunft geschoben – mit Corona mussten dann aber plötzlich schnell digitale Lösungen her“, sagt Peter Trapp, Managing Director von Startport, Accelerator der Duisburger Hafen AG. Das habe vor allem das Umdenken der Unternehmen gegenüber Kooperationen mit Nachwuchsunternehmen beschleunigt. Eine Auswirkung, die langfristig zur Veränderung des Status Quo und zum Abbau bestehender Vorbehalte beitragen könnte.

„Viele betrachten professionelle Start-ups mit guten Ideen als Bedrohung. Wer so denkt, wird schon bald von ihnen überholt werden“, meint Erik Wirsing, Vice President Global Innovation bei DB Schenker. Der Logistikdienstleister fungiert als Partnerunternehmen im Plug and Play und unterhält mehr als 70 Kooperationen mit verschiedenen Gründern.

Gewinner in der Krise sind laut Trapp Jungunternehmen wie Frachtklub, die in der Digitalisierung von Vertriebsprozessen tätig sind und von einer erhöhten Nachfrage profitieren. Start-ups, die sich dagegen auf die Logistik des Flugverkehrs spezialisiert haben, leiden unter der Situation.

Innovationen erkennen, fördern und transferieren

Die Wahrheit ist jedoch: Probleme gab es schon lange vor dem Coronavirus. Und gerade Deutschland gilt als schwieriges Pflaster für Nachwuchsunternehmen. Vor allem, wenn es darum geht, Großunternehmen und Gründer in Projekten zusammenzubringen. „In den USA erhalten Start-ups viel leichter Investments als in Deutschland, in China wird die Forschung im Bereich künstlicher Intelligenz sogar staatlich subventioniert“, beobachtet zum Beispiel Trapp. Ein Problem, das sich auch auf europäischer Ebene widerspiegelt: Lediglich 5 Prozent der globalen Finanzierungshilfen für Gründer im Logistikbereich entfallen auf Europa. Das geht aus einem aktuellen Bericht der Unternehmensberatung McKinsey & Company hervor.

In den Genuss finanzieller Unterstützung durch Acceleratoren beziehungsweise Inkubatoren kommen laut DSM rund 14 Prozent der befragten Nachwuchsunternehmen. 19,6 Prozent nennen diese Möglichkeit als bevorzugte Kapitalquelle.

Doch es geht nicht ausschließlich um Kapital: Den größten Vorteil aller Programme sieht Trapp in der Vernetzung mit potenziellen Kunden oder Experten. Denn die Beschleuniger haben in der Regel ein Partnernetzwerk im Rücken und können bei enger Betreuung auch für die Produktentwicklung und Strategie eines Start-ups entscheidende Impulse beisteuern.

Aber auch die Partnerunternehmen profitieren von den Ideen und vom Spirit der Jungunternehmer. Insbesondere die Entwicklungsaktivitäten können durch die Zusammenarbeit Nutzen ziehen, findet Veronika Markwardt, Digital Innovation-Managerin bei Shell Hamburg. Zusätzlich bietet sich die Möglichkeit, über eine neutrale Plattform auch mit der Konkurrenz industrieübergreifend zusammenzuarbeiten.

„Acceleratoren sind ein sehr gutes Instrument, um Innovationen zu erkennen, zu fördern und in die bereits bestehenden Unternehmen zu transferieren“, so Trapp. Nur so könne sich Deutschland auch weiterhin an der internationalen Spitze der Logistikbranche halten.

Keine Zauberei

Dennoch sollten sich sowohl Gründer als auch Partnerunternehmen darüber im Klaren sein, dass die Teilnahme an einem Programm „keine Zauberei“, sondern harte Arbeit sei, warnt Faridi. Diese sind für den Unternehmer vergleichbar mit einer Mitgliedschaft im Fitnessstudio: Wenn man nichts tut, passiert auch nichts.

Eine Erfahrung, die auch Mark Schmitt, CEO von Software-Start-up Evertracker, gemacht hat: „Acceleratoren bieten einem unzählige Möglichkeiten und Chancen – man muss sie aber selbst einfordern und dann auch ergreifen. Wer das nicht tut, der ist dann natürlich enttäuscht, aber vielleicht auch als Unternehmer fehl am Platz.“

Welche Auswirkungen die Coronakrise langfristig auf mögliche Kooperationen haben wird, bleibt abzuwarten. Für die Start-ups der folgenden Generation birgt die Pandemie aber auch die Chance, mögliche Erkenntnisse aus der Krisenzeit als Basis für neue Geschäftsmodelle zu nutzen. Einer Umfrage von Ocean Insight zufolge planen derzeit rund 67 Prozent der Schifffahrts- und Frachtfachleute, nach der Coronakrise in neue technische Lösungen zu investieren. 42,5 Prozent wollen die Strategien der Lieferketten ändern. Eine erhöhte Nachfrage dürfte damit garantiert sein. Und wie die Vergangenheit gezeigt hat: Viele der erfolgreichsten Unternehmen werden in Krisenzeiten gegründet.

Das Accelerator-Prinzip kurz erklärt

Acceleratoren sind Institutionen, die Start-ups in Form von Förderprogrammen und Projekten in ihrem Entwicklungsfortschritt unterstützen und sie mit bereits etablierten Unternehmen und Investoren vernetzen.

Das Bewerbungs- und Auswahlverfahren läuft bei den verschiedenen Programmen grundsätzlich ähnlich ab. Der erste Schritt führt in der Regel über die Homepage und besteht aus einem Onlineformular und einem Pitch Deck. Was folgt ist bei Interesse die Einladung zu einem „Selection Day“, an dem sich die Start-ups der Jury präsentieren. Zusätzlich betreiben viele Acceleratoren eine aktive Suche auf Basis der Anforderungen ihrer Partner.

Die Dauer eines Programmes beträgt in der Regel zwischen drei Monaten und einem Jahr. Häufig werden den Jungunternehmern auch Büroflächen zur Verfügung gestellt. Nach erfolgreichem Abschluss findet häufig eine Art „Absolventen-Tag“ im Beisein potenzieller Investoren statt.